Historischer Originalartikel
Aus „… mit der Fliege“, Ausgabe 1/97, Seiten 10–12. Der Inhalt entspricht vollständig der damaligen Veröffentlichung; lediglich die Darstellung wurde für die heutige Bildschirmansicht neu aufgebaut.
Es gibt Fliegenruten von verschiedenen Weichheits- bzw. Steifheitsgraden. Diese werden in (Schnur-) Klassen angegeben. Generell gilt: je kleiner die Schnurklasse, desto weicher ist die Rute; je größer die Schnurklasse, desto steifer ist sie. Üblicherweise ist die Klasse auf der Rute oberhalb des Griffstückes vermerkt. Beachten Sie aber: die Schnurklasse hat nichts mit dem Eigengewicht der Rute zu tun. Sie sagt nur aus, welche Schnurklasse für die jeweilige Rute empfohlen wird. Das Schnurgewicht, das wir im Kapitel »Flugschnur« darstellten, muß zur Rute passen.
Extreme Abweichungen führen zu Mißerfolgen beim Wurf. Eine Rute der Klasse 5 verlangt nach einer Flugschnur der Klasse 5. Bestückt man z.B. eine Rute der Klasse 5 mit einer Schnur der Klasse 8, wird die Rute beim Wurf nicht genug Kraft haben, die Schnur zu werfen, weil sie nicht genug Rückgrat besitzt. Bestückt man dagegen eine Rute der Klasse 8 mit einer Schnur der Klasse 5, wird sie sich im Wurf nicht richtig aufladen (durchbiegen) und der Wurf wird mangels aktivierter Schnellkraft der Rute ebenfalls nicht gelingen.
Zum Erlernen des Wurfstils empfehlen wir trotzdem, die Rute mit einer Flugschnur zu bestücken, die um eine Klasse über der empfohlenen Klasse auf der Rute liegt. Der Grund hierfür ist, daß ein ungeübter Werfer zu Anfang ohnehin weniger Schnur in der Luft halten kann und damit die Rute trotzdem schon optimal aufgeladen wird. Beherrscht man den Wurfstil, sollte man die angegebene Schnurklasse verwenden.
Die Rutenklasse
Welcher Zusammenhang besteht nun zwischen Schnur-/Rutenklasse und Zielfisch?
Generell gilt, je kleiner die Fische, desto feiner das Gerät. An einem Bach mit vorsichtigen Forellen und Äschen kommt man oft nur mit einer Rute der Schnurklasse 3 oder 4 zum Erfolg, weil das Gewicht der Schnur wie eine Feder aufs Wasser fällt und der Durchmesser der Schnur relativ klein ist. Einen Nachteil bei der Benutzung von leichtem Gerät stellt allerdings der Wind dar.
Den vielfältigsten Einsatzbereich bietet die Schnurklasse 5. Mit ihr kann man sowohl im Bach als auch im mittelbreiten Fluß fein auf Forellen, Äschen, Döbel und viele Weißfischarten fischen.
Die Klassen 6 und 7 gehören bereits in den mittelschweren Bereich. Würfe mit größeren Fliegenmustern auf weitere Distanzen, wie sie in Talsperren oder an breiten Flüssen notwendig sind, gelingen mit ihnen besser als mit leichterem Gerät.
Ab der Klasse 8 spricht man von schwerem Gerät, wie es zum Fang von kapitalen Forellen im See, von Meerforellen, Steelheads, Hechten, Lachsen und im Salzwasser von Bonefish verwendet wird.
Ruten über der Klasse 8 sind in Deutschland nur für Spezialisten, die dem kampfstarken Huchen nachstellen, nötig. Diese verwenden bevorzugt Ruten der Klasse 10 bis 12, um den Kraftpaketen in der meist starken Strömung Paroli bieten zu können. Der weitere Einsatzbereich dieser schweren Geräte ist in der Lachs- und Salzwasserfischerei auf Baracuda, Permit und Tarpon angesiedelt.
Die extremste Fischerei ist wohl die auf Hai, Sailfish und Marlin. Hier werden Ruten ab der Klasse 15 verwendet, die von der Aktion schon an schwere Spinnruten erinnern.
Sie sehen, es steht ein ausgeklügeltes System hinter den AFTMA-Klassen.
Die Rutenlänge
Die Rutenlänge ist seit jeher ein beliebtes Diskussionsthema. Während der eine auf kurze Watruten schwört, lebt der andere im »Longsofter«-Nirvana. Gründe für die bevorzugte Rutenlänge sprudeln in solchen Gesprächen wie Quellwasser, jedoch rückt letztendlich kaum einer von seiner Meinung ab. Einsteiger haben es da schwer, wenn sie versuchen, einen brauchbaren Nutzen aus solchen Gesprächen zu ziehen. Deshalb haben wir einen kleinen Leitfaden zusammengestellt, der die weltbewegende Frage »lang oder kurz?« beantwortet.
Die Rutenlängen werden entweder in cm oder in Fuß angegeben, wobei ein Fuß ca. 30,5 cm entspricht. Eine 8-Fuß-Rute (auch 8′ geschrieben) ist folglich 244 cm lang. Nicht zuletzt, weil es sich hier um ein deutschsprachiges Magazin handelt, wollen wir unsere Angaben in Zentimetern halten.
Die größte Auswahl an Längen besteht bei den Ruten der Klassen 6 und darunter. Hier haben Sie die Wahl zwischen extrem kurzen Ruten von 160 cm bis zu Überlängen von mehr als 3 Metern. Ab der Klasse 7 beschränkt sich das Angebot im Allgemeinen auf 275 cm bis 3 Meter. Ausnahme sind hierbei die Zweihandruten für die Lachsfischerei, die bis über 5 Meter lang sein können.
Die Rute, mit der man in fast allen mitteleuropäischen Flüssen auf Äschen und Forellen gut gerüstet ist, besitzt eine Länge von 260 cm (8’6). Deshalb hat fast jeder Fliegenfischer eine Rute der Klasse 5 in dieser Länge.
Die Rutenlänge sollte auf das Gewässer abgestimmt sein. Die generelle Ausssage »großes Wasser – lange Ruten, kleines Wasser – kurze Ruten« gilt nur bedingt.
Dann z.B., wenn die Ufer eines schmalen Wiesenbaches stark bewachsen sind, werden Sie die Vorteile einer langen Rute schätzen lernen, mit der Sie über die Vegetation hinwegkommen und die Fliege kontrollieren können. Auch wenn sich in einem schmalen Fluß die Fische unter den Wasserpflanzen verstecken, können Sie die Nymphe mit einer langen Rute (275 cm bis 300 cm) effektiver führen als mit einer kurzen Rute.

Foto: M.A.C.

Foto: Oskar Thiem
Andererseits liegen aber viele interessante Stellen an breiten Flüssen unter tiefhängenden Ästen und Sträuchern. Dort, wo also wenig Platz für Vor- und Rückschwung ist, fischt man mit einer kurzen Rute von 200 cm bis 220 cm besser.
Das Material
Nach der Entscheidung über Klasse und Länge kommt die beliebte Frage nach dem Material des Blanks. Wenn Sie keinen bestimmten Grund haben, sich für eine gespliesste Rute (meist aus Bambus, sehr aufwendig und teuer!) zu interessieren, steht Ihnen eine grosse Auswahl an Kohlefaserruten (auch Graphite genannt) zur Verfügung. Hohlglas und andere Materialien, wie z.B. Boron oder Kevlar, sind nicht mehr so in Mode. Bleiben wir also bei Kohlefaser.
Widmen Sie der Bezeichnung des verwendeten Kohlefasermaterials nicht zuviel Bedeutung, sondern richten Sie Ihr Augenmerk darauf, daß die Aktionskurve bei leichter Belastung gleichmäßig und ohne Unterbrechung ist.
Bedenken Sie auch, daß federleichte Ruten oft wesentlich bruchempfindlicher sind als etwas schwerere Ruten. Die Rute sollte bequem in der Hand liegen. Am besten prüfen Sie das, indem Sie eine bespulte Rolle befestigen, erst dann ist die Rute nämlich ausbalanciert. Eine Fliegenrute ohne Rolle wirkt automatisch etwas kopflastig.

Die Biegungskurve testet man mit durchgezogener Schnur. So kann auch festgestellt werden, ob die Ringabstände ausreichend eng sind.
Der Rutenblank sollte eine gleichmäßige Biegungskurve, ohne extrem steife oder weiche Zwischenstücke, aufweisen.

Die Qualität
Eine Fliegenrute sollte immer eine Anschaffung für mehrere Jahre sein. Achten Sie deshalb auf Qualität. Prüfen Sie in erster Linie, ob die Steckverbindungen sicher sitzen, indem Sie die Rute an der Verbindung zwischen Daumen und Zeigefinger halten und dann die Spitze leicht schwingen lassen. Wenn Sie spüren, daß sich das übergesteckte Teil leicht bewegt, oder gar ein Klacken im Blank hören, paßt die Verbindung nicht. Die Spitze wird sich während des Wurfes allmählich lockern und im schlimmsten Fall an der Verbindung brechen. Prüfen Sie anschließend, ob die Ringe in einer Flucht stehen. Der unterste Ring sollte, da er der stärksten Beanspruchung unterliegt, eine Keramik-, Aluoxid- oder eine SIC-Einlage besitzen.
Ob Sie sich für hartverchromte, hochstehende Schlangenringe oder Einstegringe mit Einlage entscheiden, ist Geschmackssache. Bedenken Sie dabei nur, daß Schlangenringe unempfindlicher und leichter sind. Der Spitzenring sollte leicht sein und zur gesamten Beringung passen.
Je mehr Ringe desto besser. Rutenringe haben die Aufgabe, die Schnur zu führen, vom Blank fernzuhalten und die Belastung im Drill gleichmäßig über die gesamte Rute zu verteilen. Sind die Ringabstände zu groß, hängt die Schnur durch und kann sich um den Blank schlingen. Das behindert die Schußfreudigkeit und kostet Meter im Wurf. Eine Faustregel besagt, pro Fuß (30,5 cm) mindestens ein Ring. Bei einer 275 cm (=9′) Rute wären das mindestens 9 Ringe.
Achten Sie auf feine Korkqualität am Griff, da tiefe Narben im Kork unangenehm in der Hand sind. Für die zierlicheren Hände von Jugendlichen und Damen fertigen verschiedene Anbieter auch speziell schlankere Korkgriffe an.
Der Rollenhalter sollte den Rollenfuß sicher greifen. Das Material, das zur Auswahl steht, reicht von einfachen Carbon-Rollenhaltern bis hin zu luxuriösen Schraubrollenhaltern mit Edelholzeinlage. Die Wahl ist letztlich Geschmackssache und eine Frage des Geldbeutels.
Wenn Ihre neue Rute nicht mit einem Futteral und Schutzrohr ausgestattet ist, sollten Sie diese Utensilien in jedem Fall dazukaufen, damit Ihre Investition beim Transport im Auto und auf Reisen geschützt ist.
Die Teilung
Bis vor kurzem noch entschieden sich viele gegen mehrteilige Ruten, weil die Aktion und das Gewicht dieser Ruten durch die vielen Teilungen negativ beeinflußt war. Heute weisen die meisten modernen mehrteiligen Ruten diesen Mangel nicht mehr auf. Die Vorteile von kurzgeteilten Ruten auf Reisen liegen aber auf der Hand. Auch wenn Sie momentan vielleicht keine Reise geplant haben, könnte es durchaus sein, daß Sie bereits nächstes Jahr im Flugzeug sitzen und Richtung Alaska, Argentinien oder sonstwo in der Welt unterwegs sind. Wollen Sie sich dann mit einer langen Rute herumplagen oder sich stattdessen für diese Reise eine neue Reiserute besorgen?
Der Test

(Foto: M.A.C.)
Niemand kauft heute ein Auto ohne Probefahrt. Halten Sie es genauso bei der Rutenauswahl. Gerade wenn Sie noch keine oder wenig Ahnung vom Werfen haben, können Sie – gratis sozusagen – eine kleine Einführung in die Wurftechnik bekommen. Oder noch besser, wählen Sie während eines Kurses das passende Gerät aus. Dabei haben Sie die beste Gelegenheit, mehrere Ruten zu werfen und ausgiebig auszuprobieren.

Der Originalbeitrag im Magazin
Diese Doppelseite zeigt den ersten Teil des Beitrags „Die Fliegenrute“ so, wie er ursprünglich in der Ausgabe 1/1997 von „… mit der Fliege“ auf den Seiten 10 und 11 erschienen ist.
Hier lässt sich noch einmal die damalige Magazingestaltung mit ihren schmalen Textspalten, Tabellen, Grafiken und den beiden Fotografien erkennen.
Für die heutige Veröffentlichung wurde der vollständige Originalinhalt beibehalten, die Anordnung jedoch für eine ruhige und gut lesbare Darstellung auf Bildschirm und Mobilgerät neu aufgebaut.
Die Fortsetzung auf Seite 12
Auf Seite 12 wurde der Beitrag fortgesetzt. Im Mittelpunkt stehen hier der Aufbau der Fliegenrute sowie die Abschnitte „Die Qualität“, „Die Teilung“ und „Der Test“.
Auch diese Seite ist hier als Originalansicht erhalten. So bleibt neben dem Text selbst auch sichtbar, wie der Beitrag 1997 tatsächlich gesetzt, bebildert und präsentiert wurde.



