Vollständige Referenz für Fliegen- und Spinnruten

Vom Wurfgefühl zur messbaren Wahrheit.
Die 15°-Power-Messung macht das Verhalten von Ruten in reproduzierbaren Zahlen sichtbar – ohne Marketingbegriffe, ohne Rätselraten.


Warum das 15°-System existiert

Rutenbeschriftungen sind uneinheitlich. Zwei Ruten mit derselben Kennzeichnung können sich völlig unterschiedlich verhalten. Die 15°-Power-Messung wurde entwickelt, um Rutensteifigkeit und Aktion objektiv zu beschreiben – auf Basis von Physik und reproduzierbarer Geometrie.


Historischer Hintergrund

Ludwig Reim – die 15°-Speed-Messung

Der Ingenieur Ludwig Reim entwickelte Ende des 20. Jahrhunderts die ursprüngliche 15°-Speed-Messung. Indem er eine Rute auf 15° auslenkte und ihre Rückstellgeschwindigkeit mit Sensoren maß, zeigte er, dass sich das Verhalten von Ruten messen und nicht diskutieren lässt.

Theodor Matschewsky – von Speed zu Power

Solitip entwickelte Reims Idee weiter zu einer werkstatt­tauglichen Methode, indem die Elektronik durch statische Gewichte ersetzt wurde – bei gleichbleibender Geometrie, aber deutlich reduzierter Komplexität.


Was die 15°-Power-Messung ist

Ein standardisiertes Verfahren, bei dem gemessen wird, welches Gewicht erforderlich ist, um eine Rute auf 3,75° und 15° auszulenken, und wie diese beiden Werte zueinander in Beziehung stehen.


Die beiden Messwerte


Power Factor (PF)

PF = M₁₅ / M₃․₇₅

Der Power Factor beschreibt, wie stark die Steifigkeit der Rute mit zunehmender Belastung ansteigt – vom leichten Anlegen bis zur realen Arbeitsbiegung.


Interpretation des Power Factors

Power FactorAktionsbeschreibung
< 4.0Sehr langsam, tiefe Durchbiegung
4.0–4.4Langsam, Biegung über die ganze Rute
4.4–4.6Mittel
4.6–4.8Mittel-schnell
4.8–5.0Schnell
> 5.0Extrem schnell

Anwendung bei Fliegenruten

Fliegenruten – detaillierte Betrachtung

Ziel

Für Fliegenruten beantwortet die 15°-Power-Messung zwei zentrale Fragen:

  1. Welche Schnurmasse passt tatsächlich zur Rute?
  2. Wie verteilt die Rute die Belastung beim Werfen?

Das System trennt diese Aspekte klar:


Schnurmassen-Logik (AFTMA-basiert)

Eine AFFTA-Flugschnur ist über das Gewicht der ersten 9,14 m (30 ft) definiert. In der Praxis befinden sich bei einem normalen Wurf jedoch meist rund 15 m Schnur außerhalb der Rutenspitze.

Die 15°-Power-Messung skaliert deshalb den statischen 3,75°-Messwert auf diese reale Wurfsituation.

In der Praxis bedeutet das:

So erklärt sich, warum viele Ruten mit der Aufschrift „#6“ sich mit einer #5 oder #7 korrekt anfühlen – das Label ist oft Marketing, nicht Physik.


Warum M₃․₇₅ für Fliegenruten so gut funktioniert

Die 3,75°-Auslenkung ist klein genug, sodass:

Gleichzeitig ist sie groß genug, um:

Damit ist M₃․₇₅ ein hervorragender Indikator dafür, wie viel Schnurmasse nötig ist, um eine Rute effizient zu laden.


Power Factor und das Wurfgefühl bei Fliegenruten

Zwei Fliegenruten können dieselbe Schnurklasse haben und sich dennoch völlig unterschiedlich anfühlen.

Diese Unterschiede beschreibt der Power Factor:

PF erklärt, warum Überlinen manchmal hilft – und manchmal alles verschlechtert.


Häufige Irrtümer bei Fliegenruten

„Schnelle Ruten brauchen schwerere Schnüre.“
Nicht zwingend. Eine Rute mit hohem PF braucht oft sauberes Timing, nicht mehr Masse.

„Langsame Ruten sind schwach.“
Ein niedriger PF bedeutet nicht wenig Kraft, sondern eine längere Lastverteilung.

„Die Schnurklasse bestimmt die Aktion.“
Die Schnurklasse bestimmt die Belastung – der PF bestimmt das Verhalten.


Technische Beschreibung / Technische Beschreibung

Die Zuordnung der Schnurklasse erfolgt über die bei 3,75° gemessene Masse M₃․₇₅. Diese wird auf eine reale Wurfsituation mit etwa 15 m Schnur außerhalb der Rutenspitze bezogen und mit den AFFTA-Referenzwerten abgeglichen.

Der Power Factor PF beschreibt das Verhältnis der Steifigkeitszunahme zwischen geringer statischer Belastung und realer Arbeitsbiegung.


Erklärung / Erläuterung

Kurz gesagt: Wir messen, wie viel Schnurgewicht eine Rute wirklich braucht, um sauber zu arbeiten – und wie schnell sie dabei zurückstellt. So lassen sich Ruten vergleichen, ohne sie vorher werfen zu müssen.


Anwendung bei Spinnruten

Spinnruten – detaillierte Betrachtung

Ziel

Bei Spinnruten lässt sich aus der 15°-Power-Messung direkt ein realistischer Wurfgewichtsbereich ableiten. Gleichzeitig erklärt sie, warum viele Herstellerangaben zu breit oder irreführend sind.

Die gleichen beiden Messwerte werden verwendet:

Der Power Factor (PF) verbindet diese beiden Bereiche.


Warum Herstellerangaben oft versagen

Die meisten aufgedruckten Wurfgewichtsbereiche werden nicht gemessen. Sie werden geschätzt, gerundet und oft absichtlich erweitert, um Reklamationen zu vermeiden.

Das Ergebnis:

Das 15°-System ersetzt Schätzungen durch messbare Grenzen.


Abschätzung des Wurfgewichts (Praxisformeln)

Mit gemessenen Werten und PF ergeben sich folgende bewährte Näherungen:

Unteres Wurfgewicht:

CW_low ≈ (M₃․₇₅ / PF) × 1,2

Oberes Wurfgewicht:

CW_high ≈ (M₁₅ / PF) × 0,8

Diese Werte beschreiben den effizienten Arbeitsbereich, nicht die Belastungsgrenze.


Beispiel (Spinnrute)

Gemessen:

PF = 90 / 20 = 4,5

Ermittelter Wurfgewichtsbereich:

Das erklärt, warum sich eine als „5–25 g“ deklarierte Rute oft zwischen 7–15 g am besten anfühlt.


Power Factor und Gefühl bei Spinnruten

PF erklärt, warum zwei Ruten mit gleichem Wurfgewicht völlig unterschiedlich wirken können.


Technische Beschreibung / Technische Beschreibung

Bei Spinnruten ermöglichen die Messwerte M₃․₇₅ und M₁₅ in Verbindung mit dem Power Factor PF eine realistische Bestimmung des nutzbaren Wurfgewichtsbereichs. Die ermittelten Werte sind in der Regel deutlich enger als die Herstellerangaben und entsprechen besser der Praxis.


Erklärung / Erläuterung

Kurz gesagt: Wir messen, mit welchen Gewichten die Rute wirklich arbeitet – nicht, was auf dem Blank steht. Dadurch fühlt sie sich lebendig an statt über- oder unterfordert.


Vergleich mit dem Common Cents System (CCS)

Was ist CCS?

Das Common Cents System (CCS) wurde von Dr. William Hanneman als universelles Bewertungsverfahren für Ruten entwickelt.

Offizielle Website:
https://common-cents.info/


Was CCS misst

CCS arbeitet mit einer großen Durchbiegung (etwa ein Drittel der Rutenlänge).


Zentrale Unterschiede: CCS vs. 15°

CCS15°-Power-Messung
Große DurchbiegungKleine + Arbeitsdurchbiegung
ERN + AASchnurklasse + Power Factor
Oft höhere EinstufungNäher an realer Wurfbelastung

Da CCS mit größerer Durchbiegung arbeitet, fallen die Bewertungen bei Fliegenruten oft 1–1,5 Schnurklassen höher aus.

Keines der Systeme ist falsch – sie beantworten unterschiedliche Fragen.


Häufige Fragen (FAQ)

Mit montierten Ringen messen?
Ja. Immer die fertige Rute messen.

Spielt die Grifflänge eine Rolle?
Ja. Die Einspannung muss immer gleich erfolgen.

Beeinflusst die Rutenlänge die Methode?
Nein. Die Geometrie skaliert automatisch.

Funktioniert das auch für Glas und Bambus?
Ja. Für alle Materialien geeignet.

Ersetzt das Werftests?
Nein. Es erklärt, warum sich Werftests so anfühlen, wie sie sich anfühlen.


Empfohlene Grafiken


Referenzen


Schlusswort

Die 15°-Power-Messung ersetzt Erfahrung nicht – sie schärft sie.

Eine gute Rute kann man fühlen.
Eine großartige Rute kann man verstehen.

Solitip – Präzision, die messbar ist.

Solitip Werkstatt
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