Eine feinere Spitze verändert an einer Fliegenrute nicht nur die letzten Zentimeter. Sie beeinflusst, wie die vorhandene Kraft der Rute genutzt wird, welche Schnurklasse harmonisch zu ihr passt und wie sich die gesamte Rute beim Werfen verhält. Beim Einbau einer Solitip wird deshalb nicht einfach eine passende Spitze ausgesucht und eingeklebt. Die Rute wird vermessen und die Solitip so lange angepasst, bis Schnurklasse, Powerfaktor und gewünschter Charakter zusammenpassen.


Wie kann ich die tatsächliche Schnurklasse einer Fliegenrute bestimmen?

Die auf einer Fliegenrute angegebene Schnurklasse ist zunächst eine Herstellerangabe. Wenn ich wissen möchte, wie sich eine Rute tatsächlich verhält, vermesse ich sie auf der 15°-Power-Messanlage.

Beim Einpassen einer Solitip wird die neue Spitze deshalb zunächst nur provisorisch befestigt. Einstecktiefe, Länge und Übergang können dadurch verändert werden. Anschließend wird erneut gemessen.

So lässt sich kontrollieren, welche Schnurklasse tatsächlich entsteht und wie sich die Veränderung der Spitze auf die gesamte Rute auswirkt. Erst wenn das gewünschte Ergebnis erreicht ist, steht fest, an welcher Position die Solitip endgültig eingesetzt wird.

Ohne diese Messung müsste man letztlich schätzen. Eine mechanisch passende Spitze sagt noch nichts darüber aus, ob die fertige Rute anschließend auch die gewünschten Eigenschaften besitzt.


Wie verändert eine feinere Rutenspitze die Aktion einer Fliegenrute?

Eine feinere Spitze bedeutet nicht automatisch, dass die gesamte Rute weniger Kraft besitzt.

Bei der hier vermessenen Rute verlagert sich durch die feinere Solitip die Kraftauslastung weiter nach unten in den Blank. Die Spitze arbeitet sensibler, während die vorhandene Kraft im unteren Bereich der Rute erhalten bleibt.

Dadurch kann die Schnurklasse sinken und gleichzeitig der Powerfaktor steigen. Die Rute verliert also nicht einfach Leistung, nur weil ihre Spitze feiner wird. Vielmehr wird die vorhandene Kraft anders und für den gewünschten Einsatzzweck gezielter genutzt.

Genau deshalb betrachte ich beim Anpassen einer Solitip nie nur die Spitze. Entscheidend ist immer das Verhalten der kompletten Rute.


Kann eine Fliegenrute mit unterschiedlichen Schnurklassen gefischt werden?

Ja. Eine Fliegenrute muss nicht zwangsläufig nur mit einer einzigen Schnurklasse funktionieren.

Bei dieser Rute empfinde ich eine 5er Schnur als harmonischer und angenehmer. Trotzdem kann sie auch eine 6er Schnur sicher bewältigen, denn die grundsätzliche Wurfkraft der Rute bleibt erhalten. Verändert wurde vor allem die Feinheit der Spitze.

Durch die feinere Spitze kann selbst mit der 6er Schnur eine engere Schlaufe entstehen. Dadurch sinkt der Luftwiderstand und weite Würfe können sogar begünstigt werden.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Kann diese Rute eine bestimmte Schnurklasse werfen? Ebenso wichtig ist, mit welcher Schnur das gesamte System für den jeweiligen Einsatzzweck am harmonischsten arbeitet.


Was bedeutet eine schnelle oder mittelschnelle Aktion bei einer Fliegenrute?

Bei der ersten Messung dieser Rute ergibt sich ein Powerfaktor von 4,79. Damit lässt sie sich in diesem Messsystem als mittelschnell bis schnell einordnen.

Der Vorteil eines solchen Messwertes liegt in seiner Vergleichbarkeit. Statt eine Rute lediglich nach persönlichem Eindruck als schnell, mittelschnell oder langsam zu bezeichnen, kann ich nachvollziehen, wie sich eine Veränderung tatsächlich auswirkt.

Gerade beim Einbau einer anderen Spitze ist das entscheidend. Durch wiederholte Messungen lässt sich erkennen, ob die Veränderung in die gewünschte Richtung geht und an welcher Position das optimale Ergebnis erreicht wird.

Damit wird aus einer Einschätzung eine kontrollierbare Abstimmung.


Verändert eine ausgetauschte Rutenspitze das Wurfverhalten einer Fliegenrute?

Ja – und genau deshalb sollte eine neue Spitze nicht einfach dort eingesetzt werden, wo es mechanisch gerade bequem erscheint.

Bei einer Solitip ergibt sich aus der Vermessung, wo der Originalblank getrennt wird und an welcher Stelle die spätere Spleißverbindung liegen soll. Erst wenn die gewünschte Abstimmung erreicht ist, steht diese Position fest.

Auch die Länge der Überlappung spielt dabei eine wichtige Rolle. Jede Überlappung erzeugt konstruktiv eine gewisse Versteifung. Deshalb gilt für mich der Grundsatz:

So kurz wie möglich, aber so lang wie nötig.

Die Verbindung benötigt genügend Klebefläche, um dauerhaft sicher zu sein. Gleichzeitig soll die Überlappung nicht unnötig lang werden, weil sie sonst die gewünschte Aktion der Rute stärker beeinflussen würde.

Wer einen entsprechenden Bausatz verwendet und keine eigene Messanlage besitzt, erhält den Blank bereits vorgemessen und eindeutig markiert. Die richtige Position muss dann nicht selbst ermittelt oder geschätzt werden.


Warum ist die Vermessung vor dem Einbau so entscheidend?

Eine Spitze kann mechanisch hervorragend zu einem Blank passen und trotzdem nicht das gewünschte Ergebnis liefern.

Deshalb steht bei mir die Vermessung vor der endgültigen Bearbeitung. Zuerst wird festgelegt, welche Schnurklasse und welcher Powerfaktor entstehen sollen. Daraus ergibt sich, an welcher Stelle die Solitip sitzen muss. Erst danach werden Trennstelle und Überlappung endgültig festgelegt.

Genau hier liegt für mich der Unterschied zwischen dem bloßen Einsetzen einer neuen Spitze und dem gezielten Abstimmen einer Fliegenrute.


Im Video geht es noch deutlich tiefer

Dieser Beitrag beantwortet die wichtigsten Fragen rund um Schnurklasse, Powerfaktor, Aktion und die Bestimmung der richtigen Position einer Solitip. Im vollständigen Video zeige und erkläre ich den Ablauf direkt an der Rute. Dort werden weitere Details sichtbar, die sich in einem Text nur schwer vermitteln lassen.

Den kompletten Beitrag mit Video findest du im Raum „Werkstattlösungen“ auf SoliSpot. Für den Zugriff ist eine Registrierung erforderlich. Derzeit kostet der Zugang einmalig 3 €. Damit erhältst du Zugriff auf alle dort vorhandenen Videos und Beiträge – nicht nur auf diesen einen Beitrag.


Jetzt bist du dran

Hast du schon einmal dieselbe Fliegenrute mit unterschiedlichen Schnurklassen geworfen und dabei deutliche Unterschiede festgestellt? Oder hat sich nach einer Reparatur oder einem Spitzenwechsel das Wurfverhalten deiner Rute verändert?

Schreib deine Erfahrungen oder Fragen in die Kommentare. Gerade bei diesem Thema sind Erfahrungen vom Wasser besonders interessant, denn manchmal verändern wenige Zentimeter an der Spitze den Charakter einer Rute stärker, als man zunächst vermuten würde.

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